Teure Energie, schwindender Wohlstand: Wie Deutschland seinen wichtigsten Standortvorteil verspielt

Benzin wieder über zwei Euro, Strompreise um die 40 Cent je Kilowattstunde, Gas weit über dem Vorkrisenniveau und Gasspeicher, die Anfang September nur gut halb gefüllt sind: Deutschland hat ein Energieproblem. Und für eine Industrienation ist ein Energieproblem immer auch ein Wohlstandsproblem.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine wirtschaftspolitische Einordnung und gibt die Meinung des Autors wieder. Zahlen und Tatsachenbehauptungen werden anhand der jeweils genannten Quellen belegt. Energiepreise werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Die Darstellung erhebt daher keinen Anspruch darauf, jede Preisbewegung auf eine einzelne politische oder wirtschaftliche Ursache zurückzuführen.

Günstige Energie ist kein Luxus

Über Energie wird in Deutschland häufig diskutiert, als handele es sich um irgendein Konsumgut. Das ist ein fundamentaler Irrtum.

Energie ist Produktionsfaktor.

Energie bewegt Lastwagen. Energie treibt Maschinen an. Energie schmilzt Stahl, produziert Glas, Papier und Chemikalien, beheizt Gebäude, kühlt Rechenzentren, versorgt Bäckereien, Supermärkte, Handwerker und industrielle Fertigungsanlagen. Und nahezu jedes Produkt, das transportiert, verarbeitet, gelagert oder hergestellt wird, enthält Energie in seiner Kostenstruktur.

Eine entwickelte Industrienation benötigt deshalb nicht einfach nur Energie.

Sie benötigt verlässliche, jederzeit verfügbare und international wettbewerbsfähig bezahlbare Energie.

Ist Energie dauerhaft teuer, werden Unternehmen weniger wettbewerbsfähig. Ist ihre zukünftige Verfügbarkeit zusätzlich unsicher, wird aus einem Kostenproblem ein Investitionsproblem. Und wenn Unternehmen nicht mehr investieren, Produktion reduzieren oder ihre nächste Fabrik lieber im Ausland errichten, wird daraus schließlich ein Wohlstandsproblem. Genau diesen Zusammenhang zeigen inzwischen auch IEA, IWF und die Unternehmensbefragungen der DIHK.

Genau diese Entwicklung lässt sich in Deutschland inzwischen beobachten.

Benzin und Diesel: Der Blick zurück bis 2010

Ein besonders interessanter Vergleich ergibt sich, wenn man den Preis für Rohöl dem tatsächlichen Preis an der deutschen Zapfsäule gegenüberstellt.

Die Rohölpreise in der folgenden Tabelle basieren auf den Jahresdurchschnittspreisen für Brent der amerikanischen Energy Information Administration (EIA). Die deutschen Benzin- und Dieselpreise stammen aus der langjährigen Preisstatistik des ADAC.

JahrBrent-Rohöl Ø US-Dollar/BarrelSuper/E10 Ø €/LiterDiesel Ø €/Liter
201079,611,405*1,214
2011111,261,5221,411
2012111,631,5891,478
2013108,561,5491,420
201498,971,4931,350
201552,321,3691,169
201643,641,2811,078
201754,131,3471,161
201871,341,4281,283
201964,301,4051,262
202041,961,2551,111
202170,861,5221,385
2022100,931,8601,946
202382,491,7911,722
202480,521,7391,649
202569,141,6881,611
2026 bisher**ca. 90,60ca. 1,966ca. 1,996
  • 2010 Superbenzin statt E10.

** 2026 ist noch kein vollständiges Jahr. Beim Brent-Preis wurden die verfügbaren Monatswerte Januar bis Juli gemittelt, bei den Kraftstoffpreisen die ADAC-Werte Januar bis August. Der Wert ist deshalb ausdrücklich kein endgültiger Jahresdurchschnitt.

Quellen: EIA – Europe Brent Spot Price und ADAC – Kraftstoffpreisentwicklung.

Und diese Tabelle enthält eine bemerkenswerte Information.

Im Jahr 2012 kostete Brent durchschnittlich 111,63 US-Dollar je Barrel. Super E10 kostete damals durchschnittlich 1,589 Euro je Liter.

2025 kostete Brent dagegen durchschnittlich nur 69,14 US-Dollar je Barrel. Das Rohöl war damit rund 38 Prozent billiger als 2012. Super E10 kostete 2025 trotzdem durchschnittlich 1,688 Euro je Liter und damit rund sechs Prozent mehr als 2012.

Bei Diesel fällt der Vergleich noch deutlicher aus: 1,478 Euro 2012 gegenüber 1,611 Euro 2025.

Natürlich beweist dieser Vergleich nicht, dass die Differenz vollständig beim Staat landet. Der Endpreis hängt unter anderem vom Dollar-Euro-Wechselkurs, von Raffineriekapazitäten, den Preisen der fertigen Mineralölprodukte, Transportkosten, Biokraftstoffanteilen, Vertriebskosten und Margen ab.

Aber die Zahlen zeigen sehr deutlich: Der Preis eines Liters Kraftstoff folgt längst nicht einfach dem Preis eines Barrels Rohöl.

Gerade 2026 ist das wieder sichtbar. Am 2. September erreichte Super E10 im bundesweiten Tagesdurchschnitt rund 2,215 Euro je Liter. Selbst der ADAC weist darauf hin, dass der gestiegene Rohölpreis das derzeitige Kraftstoffpreisniveau nicht vollständig erklärt. Gleichzeitig sind aktuell allerdings auch die europäischen Raffineriemargen außergewöhnlich hoch. Reuters berichtete Anfang September von nahezu rekordhohen Margen für Benzin und ebenfalls stark erhöhten Dieselmargen aufgrund knapper Produktmärkte und internationaler Lieferstörungen.

Man sollte deshalb weder die Mineralölwirtschaft noch den Staat aus der Rechnung herauslassen.

Was nimmt der Staat an einem Liter Benzin?

Hier lohnt sich eine konkrete Rechnung.

Für Benzin beträgt die Energiesteuer regulär 65,45 Cent je Liter. Hinzu kommen 19 Prozent Umsatzsteuer auf den gesamten Verkaufspreis. Für Diesel beträgt die Energiesteuer 47,04 Cent je Liter. Das bestätigt das Bundesministerium der Finanzen.

Nehmen wir den durchschnittlichen E10-Preis vom August 2026 von 2,145 Euro je Liter. Dieser Monatsdurchschnitt stammt vom ADAC.

Steuerrechnung pro Liter Super E10 bei 2,145 € Verkaufspreis: 65,45 Cent Energiesteuer + 34,25 Cent Umsatzsteuer = 99,70 Cent reine Steuern pro Liter.

Fast ein Euro je Liter besteht damit allein aus Energiesteuer und Umsatzsteuer.

Doch damit ist die staatlich veranlasste Belastung noch nicht vollständig erfasst.

2026 wird CO₂ im nationalen Emissionshandel in einem Preiskorridor zwischen 55 und 65 Euro je Tonne gehandelt. Das bestätigt das Umweltbundesamt. Bei 65 Euro je Tonne kann die CO₂-Bepreisung bei Benzin mit Umsatzsteuer eine Größenordnung von etwa 18,5 Cent je Liter erreichen.

Da die Mehrwertsteuer auf die CO₂-Kosten bereits in den oben errechneten 34,25 Cent enthalten ist, darf man die 18,5 Cent nicht einfach vollständig ein zweites Mal addieren.

Bereinigt um diese Doppelzählung ergibt sich bei vollständiger Weitergabe des CO₂-Preises überschlägig:

65,45 Cent Energiesteuer + 34,25 Cent Umsatzsteuer + rund 15,5 Cent Netto-CO₂-Kosten = rund 1,15 Euro staatlich veranlasste Belastung je Liter Benzin.

Das ist eine Größenordnung, die man sich vor Augen führen sollte. Mehr als die Hälfte eines Tankpreises von rund 2,15 Euro kann damit direkt aus Steuern beziehungsweise staatlich angeordneten CO₂-Kosten bestehen.

Der Staat hat 2026 übrigens selbst demonstriert, wie stark er den Tankstellenpreis beeinflussen kann. Vom 1. Mai bis 30. Juni wurde die Energiesteuer vorübergehend um 14,04 Cent je Liter gesenkt. Einschließlich des Mehrwertsteuereffekts entsprach das rechnerisch ungefähr 17 Cent Entlastung je Liter. Seit dem 1. Juli ist diese Entlastung wieder entfallen. Das Bundesfinanzministerium beziffert genau diese Entlastung selbst auf rund 17 Cent.

Strom: Von 23,69 Cent auf zeitweise 47 Cent

Noch deutlicher wird die Entwicklung beim Strom.

Die langfristige Preisreihe des BDEW zeigt, was deutsche Haushalte im Durchschnitt pro Kilowattstunde bezahlen mussten. Die Werte beinhalten Beschaffung, Vertrieb, Netzentgelte sowie Steuern, Abgaben und Umlagen. Die historische Reihe basiert auf der BDEW-Strompreisanalyse.

JahrHaushaltsstrompreis ct/kWh
201023,69
201125,23
201225,89
201328,84
201429,14
201529,62
201629,75
201730,36
201830,33
201931,18
202032,25
202132,84
202246,27
202347,01
202440,22
202539,69
2026ca. 37,25

Quelle: BDEW-Strompreisanalyse.

2010 kostete eine Kilowattstunde Haushaltsstrom durchschnittlich 23,69 Cent.

2023 waren es 47,01 Cent.

Das entspricht einem Anstieg von rund 98 Prozent. Der Strompreis hatte sich nominell innerhalb von gut einem Jahrzehnt nahezu verdoppelt.

2026 ist der Preis zwar wieder etwas zurückgekommen. Rund 37 Cent je Kilowattstunde sind aber immer noch weit entfernt von günstiger Energie. Andere Erhebungsmethoden kommen sogar auf höhere Werte. Für das zweite Halbjahr 2025 wurden für deutsche Haushalte im Durchschnitt noch mehr als 40 Cent je Kilowattstunde ermittelt.

40 Cent für eine Kilowattstunde Strom sind für eine Industrienation kein Standortvorteil. Das sind Mondpreise.

Deutschland braucht günstige Energie. Nicht irgendwann. Nicht nur für einzelne subventionierte Großunternehmen. Sondern für Haushalte, Mittelstand, Handwerk und Industrie.

Und das Problem ist international.

Die Internationale Energieagentur schreibt ausdrücklich, dass deutsche Verbraucher zu denjenigen mit den höchsten Strompreisen Europas gehören. Als Belastungsfaktoren nennt sie unter anderem hohe Netzentgelte, frühere Netzinvestitionen, regionale Ungleichgewichte, unzureichende Netzkapazitäten und hohe Kosten des Engpassmanagements.

Für energieintensive Industrieunternehmen sieht es im internationalen Vergleich noch problematischer aus. Nach Angaben der IEA lagen die Strompreise energieintensiver Industrien in der EU 2025 im Durchschnitt bei mehr als dem Doppelten des US-Niveaus und knapp 50 Prozent über China.

Wer glaubt, dass das keinerlei Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen hat, ignoriert betriebswirtschaftliche Realität.

Gas: Von gut sechs Cent auf zeitweise 16 Cent

Beim Gas zeigt sich dieselbe Entwicklung in noch drastischerer Form.

Die folgende langfristige Reihe basiert auf der vom damaligen Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichten Entwicklung der Energiepreise für Haushalte:

JahrGaspreis ct/kWh
20106,36
20116,66
20127,03
20137,13
20147,14
20157,06
20166,86
20176,64
20186,53
20196,79
20205,65
20216,56
202216,03
202314,04
202411,05
202511,77

Quelle: langfristige Gaspreisreihe aus den BMWK-Energiepreisdaten, wiedergegeben bei Energie-Experten.

2021 kostete eine Kilowattstunde Gas in dieser Reihe durchschnittlich 6,56 Cent.

Nur ein Jahr später waren es 16,03 Cent.

Das ist keine normale Preisbewegung. Das ist ein Preisschock.

Auch nach dem Rückgang der Großhandelspreise ist das frühere Niveau nicht zurückgekehrt. 2025 lag der Preis mit rund 11,77 Cent immer noch fast 80 Prozent über dem Niveau von 2021.

Auch der BDEW weist für Einfamilienhäuser weiterhin ein Preisniveau um zwölf Cent je Kilowattstunde aus. Allein Steuern, Abgaben und Umlagen lagen zuletzt bei rund 3,77 Cent je Kilowattstunde. Der Verband weist darauf hin, dass sich diese staatlich beziehungsweise regulatorisch veranlassten Preisbestandteile gegenüber dem Niveau vor 2020 mehr als verdoppelt haben.

Für einen Haushalt mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch bedeutet ein Preis von zwölf Cent bereits rund 2.400 Euro Gaskosten pro Jahr.

Und Gas ist eben nicht nur ein Heizproblem.

Gas ist Rohstoff und Energieträger für die chemische Industrie, Düngemittelproduktion, Glasindustrie, Metallverarbeitung, Lebensmittelindustrie und zahlreiche andere Produktionsprozesse.

Und die Gasspeicher?

An dieser Stelle wird es unangenehm.

Anfang September 2026 liegen die deutschen Gasspeicher nur bei gut der Hälfte ihrer maximalen Füllmenge. Die Bundesnetzagentur schreibt selbst, dass die Speicherstände derzeit „deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre“ liegen und dass sie diese Entwicklung „sehr ernst“ nimmt.

Am 4. September lag der Füllstand bei ungefähr 54 Prozent. Damit liegt Deutschland zu Beginn der Heizsaison weit unter den Speicherständen vieler vorheriger Jahre. Quelle der täglichen Speicherwerte sind AGSI+ und Bundesnetzagentur.

Nein, Deutschland befindet sich deshalb aktuell nicht in einer akuten Gasmangellage.

Aber gut sieht die Situation nicht aus.

Denn Speicher werden nicht im September gebraucht, sondern im Winter. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob heute genug Gas durch die Leitungen fließt, sondern wie sich Speicherstände, Temperaturen, LNG-Lieferungen, Pipelineimporte, internationale Preise und Verbrauch während eines kalten Winters entwickeln.

Selbst die Bundesnetzagentur nennt ausdrücklich das Zusammenspiel von Pipelineimporten, LNG-Importen, Speichern, Infrastruktur und Nachfrage als entscheidend für die Versorgungssicherheit.

Wer mit niedrigen Speicherständen in einen Winter geht, verfügt schlicht über weniger Puffer.

Und für eine Industrienation ist bereits die Aussicht auf mögliche Engpässe ein Problem.

Versorgungssicherheit bedeutet mehr als Gas im Rohr

Für Unternehmen reicht es nicht, dass heute Gas fließt. Ein Chemiekonzern, eine Glashütte oder ein Metallbetrieb entscheidet über Investitionen mit Laufzeiten von zehn, zwanzig oder dreißig Jahren.

Die entscheidenden Fragen lauten daher: Ist Energie auch morgen verfügbar? Zu welchem Preis? Wie stabil ist dieser Preis? Welche Infrastruktur steht zur Verfügung? Welche zusätzlichen regulatorischen Kosten kommen hinzu? Und welche politischen Entscheidungen sind in fünf oder zehn Jahren zu erwarten?

Genau hier beginnt das deutsche Standortproblem.

Deutschland hat seine frühere Gasversorgung in kürzester Zeit grundlegend umgebaut. LNG-Terminals wurden geschaffen, Pipelinebeziehungen verändert und zusätzliche Importwege aufgebaut. Das erhöht die Diversifizierung, verursacht aber selbstverständlich ebenfalls Infrastruktur- und Systemkosten.

Ein weiteres schwimmendes LNG-Terminal in Stade soll im September 2026 den Startbetrieb aufnehmen. Die erste Inbetriebnahme-LNG-Lieferung ist für November vorgesehen. Parallel dazu soll der Erdgasverbrauch langfristig stark zurückgehen.

Damit entsteht ein ausgesprochen unangenehmes ökonomisches Problem:

Die Zahl der Nutzer sinkt schneller als die Kosten der Infrastruktur.

Und auch das ist keine Interpretation eines Regierungskritikers. Die Bundesnetzagentur beschreibt dieses Problem selbst. Wenn weniger Kunden das Gasnetz nutzen, verschwinden Leitungen, Wartung, Betrieb und Kapitalbindung nicht im gleichen Tempo. Ohne regulatorische Gegenmaßnahmen müssten die verbleibenden Nutzer deshalb immer höhere Netzentgelte tragen.

Mit „KANU 2.0“ dürfen Gasnetzbetreiber Teile ihrer Netze deshalb schneller abschreiben, grundsätzlich bis 2045, in Ausnahmefällen sogar bis 2035. Die Bundesnetzagentur macht ausdrücklich klar, dass die Kosten dadurch nicht verschwinden, sondern lediglich zeitlich anders verteilt werden. Schnellere Abschreibungen können zunächst sogar höhere Entgelte bedeuten.

Das sollte jeder Gasnutzer verstehen:

Die Rechnung für die Transformation des Gasnetzes löst sich nicht in Luft auf. Irgendjemand bezahlt sie.

In vielen Fällen sind es letztlich die verbleibenden Anschlussnutzer.

Das Damoklesschwert über der Industrie

Eine moderne Industrie investiert dort, wo sie langfristig planen kann.

Natürlich darf man nicht behaupten, in Deutschland stünden unmittelbar flächendeckende Gasabschaltungen bevor. Dafür gibt es derzeit keine belastbare Grundlage.

Aber genau das ist auch nicht der entscheidende Punkt.

Der entscheidende Punkt ist das Risiko.

Ein Industrieunternehmen entscheidet heute über Anlagen, deren wirtschaftliche Lebensdauer teilweise Jahrzehnte beträgt. Dabei wird nicht nur gefragt, was Energie heute kostet. Entscheidend ist auch, welche Risiken für Energiepreise, Versorgung, Infrastruktur und Regulierung in den kommenden Jahren bestehen.

Wenn über einem Standort ständig das Damoklesschwert weiterer Energiepreisschocks, möglicher Engpässe, regulatorischer Änderungen und zusätzlicher Kosten hängt, wird irgendwann nicht mehr dort investiert.

Dann wird eine alte Anlage vielleicht noch weiterbetrieben.

Die nächste Anlage entsteht aber in den USA, China, Indien, Osteuropa oder einem anderen Standort mit günstigeren und verlässlicheren Rahmenbedingungen.

Und genau hier beginnt schleichende Deindustrialisierung.

Sie findet nicht zwangsläufig dadurch statt, dass morgen früh hundert Fabriken geschlossen werden.

Sie beginnt damit, dass die nächste Milliarde nicht mehr in Deutschland investiert wird.

Die Deindustrialisierung ist keine Erfindung

Es wäre falsch, sämtliche Probleme der deutschen Industrie ausschließlich auf Energiepreise zurückzuführen.

Auch schwache Nachfrage, Demografie, internationale Konkurrenz, hohe Arbeitskosten, Steuern, Regulierung, Bürokratie, Infrastrukturprobleme und technologische Veränderungen spielen eine Rolle.

Aber die Energiepreise sind inzwischen eindeutig Teil des Standortproblems.

Die Ergebnisse des aktuellen DIHK-Energiewende-Barometers 2026 sind bemerkenswert.

Mehr als 40 Prozent aller Unternehmen berichten, dass hohe Energiepreise ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

In der Industrie sind es rund zwei Drittel.

Rund 35 Prozent der Industriebetriebe verschieben wegen hoher Energiekosten Investitionen in ihre Kernprozesse.

Und rund 40 Prozent der Industrieunternehmen beschäftigen sich laut DIHK inzwischen mit einer Einschränkung ihrer Tätigkeit in Deutschland beziehungsweise mit der Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland, haben solche Maßnahmen bereits begonnen oder umgesetzt.

Bei großen Industrieunternehmen liegt dieser Anteil sogar bei rund 60 Prozent.

Man kann über den Begriff Deindustrialisierung streiten.

Man kann ihn politisch mögen oder ablehnen.

Aber wenn Unternehmen Investitionen verschieben, Produktionskapazitäten reduzieren und Standorte ins Ausland verlagern, dann beschreibt das Wort ziemlich genau, was passiert.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft kommt bei einer völlig anderen Betrachtung zu einem problematischen Ergebnis: Die privatwirtschaftlichen Investitionen lagen zuletzt fast ein Viertel unter dem Niveau von 2019. Im internationalen IW-Standortindex liegt Deutschland bei der Kategorie Kosten auf Platz 44 von 45 untersuchten Ländern.

Und selbst der Internationale Währungsfonds stellt fest, dass die deutsche Industrie seit Jahren unter strukturellem Druck steht und die Produktion energieintensiver Industrien seit Anfang 2022 nahezu kontinuierlich zurückgegangen ist. Hohe Energiepreise seien dabei ausdrücklich ein Faktor.

Das ist keine Erfindung von Regierungskritikern.

Das ist inzwischen ein Standortproblem, das internationale Organisationen, Wirtschaftsforschungsinstitute und die Unternehmen selbst beschreiben.

Hohe Steuern, hohe Energiepreise und dann noch mangelhafte Infrastruktur

Für einen Hochkostenstandort könnte man theoretisch argumentieren: Wir sind teuer, bieten dafür aber außergewöhnliche Bedingungen.

Schnelle Genehmigungen.

Zuverlässige Verkehrswege.

Planungssicherheit.

Hervorragende digitale Infrastruktur.

Niedrige Bürokratiekosten.

Eine leistungsfähige Verwaltung.

Dann könnte ein Unternehmen möglicherweise sagen: Ja, Deutschland ist teuer. Aber dafür funktioniert hier alles.

Nur genau diese Rechnung geht zunehmend nicht mehr auf.

Die DIHK beklagt neben hohen Energiepreisen ausdrücklich Infrastrukturdefizite, langsame Digitalisierung, hohe Unternehmenssteuern und eine übermäßige regulatorische Belastung.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft sieht gerade Bürokratieabbau und niedrigere Energiekosten als zentrale Voraussetzungen für mehr Investitionen.

Hohe Steuern.

Hohe Lohnnebenkosten.

Hohe Energiepreise.

Hohe Bürokratie.

Und gleichzeitig Defizite bei Infrastruktur, Digitalisierung und Genehmigungsgeschwindigkeit.

Irgendwann stellt sich ein Unternehmer eine ganz einfache Frage:

Warum eigentlich noch Deutschland?

Selbst die IEA warnt vor dem Wettbewerbsproblem

Diese Kritik ist übrigens keineswegs auf deutsche Wirtschaftsverbände beschränkt.

Die Internationale Energieagentur fordert ausdrücklich, Energiepolitik in Deutschland stärker unter dem Gesichtspunkt von Bezahlbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu betrachten. Sie stellt gleichzeitig fest, dass die Strompreise deutscher Verbraucher zu den höchsten Europas gehören.

Der Internationale Währungsfonds stellt fest, dass Deutschland vom Energieschock wegen seiner früheren Gasabhängigkeit stärker getroffen wurde als viele andere europäische Volkswirtschaften. Gleichzeitig belasteten schwache Produktivität, verschleppte Strukturreformen und zunehmender internationaler Wettbewerb das Wachstum.

Der IWF schreibt zudem ausdrücklich, dass Strom- und Gaspreise in Deutschland beziehungsweise Europa weiterhin deutlich höher als in vielen anderen Teilen der Welt liegen.

Mit anderen Worten:

Man muss kein Gegner der Energiewende sein, um festzustellen, dass eine Energiewende, die den Industriestandort wirtschaftlich beschädigt, ihr eigenes Fundament gefährdet.

Denn Klimapolitik muss am Ende ebenfalls finanziert werden.

Von einer leistungsfähigen Volkswirtschaft.

Wohlstandsverlust: Was ist aus unserer Kaufkraft geworden?

Wohlstand lässt sich nicht allein daran messen, ob der durchschnittliche Nominallohn eines Jahres um ein oder zwei Prozent gestiegen ist.

Entscheidend ist, was man sich davon kaufen kann.

Und hier hilft ein langfristiger Blick.

Nach den Verbraucherpreisdaten der OECD ist das Preisniveau in Deutschland seit Beginn der 2000er Jahre massiv gestiegen. Ein entsprechender OECD-Verbraucherpreisindex lag 2002 bei rund 81,5 Punkten und 2024 bei etwa 129 Punkten.

Das entspricht einem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus von rund 58 Prozent.

Anders ausgedrückt:

1.000 Euro des Jahres 2024 besaßen gemessen an dieser Preisentwicklung nur noch ungefähr die Kaufkraft von 632 Euro des Jahres 2002.

Das ist der Effekt, den Menschen im Alltag erleben.

Nicht abstrakt.

Sondern bei Lebensmitteln.

Beim Wohnen.

Beim Auto.

Beim Heizen.

Beim Strom.

Bei Versicherungen.

Bei Dienstleistungen.

Und bei nahezu jedem Einkauf.

Natürlich sind auch die Einkommen gestiegen. Entscheidend sind deshalb die Reallöhne.

Und selbst die OECD stellte für Deutschland noch im ersten Quartal 2025 fest, dass die realen Löhne trotz der damaligen Erholung 0,2 Prozent unter dem Niveau des ersten Quartals 2021 lagen.

Das bedeutet: Mehrere Jahre nominaler Lohnerhöhungen hatten nicht einmal genügt, um den Kaufkraftverlust der vorherigen Inflationswelle vollständig aufzuholen.

Und inzwischen kommt der nächste Energiepreisschub hinzu.

Hohe Energiepreise treffen Haushalte nämlich doppelt.

Einmal direkt über Benzin, Diesel, Strom und Heizung.

Und ein zweites Mal indirekt.

Denn der Supermarkt fährt seine Waren nicht mit Luft zum Geschäft. Die Bäckerei backt Brot nicht ohne Energie. Ein Handwerker fährt nicht kostenlos zum Kunden. Eine Fabrik produziert nicht ohne Strom und Gas.

Steigende Energiepreise wandern deshalb durch die gesamte Wertschöpfungskette.

Wohlstand geht auch verloren, wenn Wachstum ausbleibt

Wohlstandsverlust bedeutet außerdem nicht nur, dass vorhandenes Geld weniger wert wird.

Wohlstand geht auch verloren, wenn eine Volkswirtschaft über Jahre kaum noch wächst.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat Anfang 2026 versucht, diesen Effekt zu quantifizieren.

Demnach hat Deutschland seit 2020 gegenüber einem hypothetischen Wachstumspfad einen kumulierten Wertschöpfungsverlust von rund 940 Milliarden Euro erlitten.

Umgerechnet seien das mehr als 20.000 Euro je Erwerbstätigem.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jedem Arbeitnehmer tatsächlich 20.000 Euro vom Konto genommen wurden.

Es beschreibt entgangene Wirtschaftsleistung.

Aber genau das ist Wohlstand.

Wirtschaftsleistung finanziert Löhne.

Unternehmensgewinne.

Investitionen.

Renten.

Sozialversicherungen.

Kommunen.

Infrastruktur.

Und am Ende auch den Staat.

Das IW weist darauf hin, dass die Wirtschaftsleistung Deutschlands trotz mehrerer vergangener Jahre inzwischen nur ungefähr auf dem Niveau von 2019 liegt.

Das muss man sich einmal vor Augen führen.

Jahre technologischer Entwicklung.

Jahre Produktivitätsfortschritt.

Jahre Bevölkerungswachstum.

Und trotzdem stagniert die Wirtschaftsleistung weitgehend.

Das ist kein Wohlstandsmodell.

Ein Land kann sich nicht reich regulieren

An diesem Punkt muss man eine grundsätzliche Frage stellen:

Was erwartet Deutschland eigentlich von seinen Unternehmen?

Sie sollen international konkurrieren.

Sie sollen hohe Löhne zahlen.

Sie sollen investieren.

Sie sollen digitalisieren.

Sie sollen klimaneutral werden.

Sie sollen neue Technologien entwickeln.

Sie sollen Arbeitsplätze schaffen und erhalten.

Sie sollen Steuern zahlen.

Und gleichzeitig konfrontiert man sie mit hohen Energiepreisen, hohen Unternehmensbelastungen, umfangreicher Regulierung, langen Verfahren und einer Infrastruktur, die vielerorts erheblichen Investitionsbedarf aufweist. Dass gerade Energiekosten, Bürokratie und Standortbedingungen Investitionen belasten, zeigen inzwischen sowohl DIHK als auch IW.

Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Kapital besitzt keine Heimatpflicht.

Eine Fabrik besitzt keine patriotischen Gefühle.

Ein Vorstand ist gegenüber seinem Unternehmen verpflichtet.

Wenn eine Anlage in Deutschland dauerhaft höhere Kosten verursacht als in einem anderen Land, wird irgendwann dort investiert, wo die Rechnung besser aussieht.

Das kann man bedauern.

Man kann Unternehmen dafür beschimpfen.

Man kann Subventionen verteilen.

Man kann neue Förderprogramme erfinden.

Aber man kann die betriebswirtschaftliche Rechnung nicht abschaffen.

Die eigentliche Energiefrage lautet deshalb nicht: Reicht es?

Die entscheidende Frage für eine Industrienation darf nicht lauten:

Haben wir irgendwie genügend Energie?

Die Frage muss lauten:

Ist Energie in Deutschland so sicher, so günstig und so langfristig planbar verfügbar, dass Unternehmen hier investieren, produzieren und Arbeitsplätze schaffen wollen?

Und genau an diesem Maßstab muss sich Energiepolitik messen lassen.

Versorgungssicherheit allein reicht nicht.

Ein Land könnte theoretisch jederzeit Energie haben und sich trotzdem deindustrialisieren, wenn diese Energie doppelt so teuer ist wie beim internationalen Wettbewerber.

Umgekehrt hilft günstige Energie nichts, wenn niemand garantieren kann, dass sie morgen ebenfalls verfügbar ist.

Deutschland benötigt deshalb beides:

Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit.

Für private Haushalte.

Für Handwerker.

Für Mittelständler.

Und vor allem für die Industrie.

Die aktuellen Zahlen sollten ein Warnsignal sein.

Benzin oberhalb von zwei Euro.

Strompreise, die langfristig von rund 24 auf zeitweise 47 Cent gestiegen sind.

Gaspreise, die selbst nach Ende des extremsten Preisschocks noch weit über dem Vorkrisenniveau liegen.

Gasspeicher, die Anfang September ungewöhnlich niedrig gefüllt sind.

Unternehmen, die Investitionen verschieben.

Industriebetriebe, die Produktion ins Ausland verlagern.

Und eine Volkswirtschaft, deren Wirtschaftsleistung über Jahre kaum vom Fleck gekommen ist. Diese Entwicklung wird nicht nur von deutschen Verbänden beschrieben; auch IEA, IWF, DIHK und IW dokumentieren wesentliche Teile dieses Problems.

Das ist kein abstraktes energiepolitisches Problem.

Das ist eine Wohlstandsfrage.

Denn am Ende bezahlt nicht „die Wirtschaft“ die Rechnung.

Der Bürger bezahlt sie.

Über höhere Preise.

Über geringere Kaufkraft.

Über geringere Investitionen.

Über verlorene Arbeitsplätze.

Über höhere staatliche Belastungen.

Und irgendwann über einen Lebensstandard, von dem man sich lange eingeredet hat, er sei selbstverständlich.

Wohlstand ist nicht selbstverständlich. Er muss jeden Tag neu erwirtschaftet werden. Und dafür braucht eine Industrienation vor allem eines: Energie, die sicher verfügbar und bezahlbar ist.

Redaktioneller Hinweis zum Einsatz von KI

Dieser Beitrag wurde teilweise mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt. Sämtliche Inhalte wurden anschließend von Hauptmannl Consulting redaktionell geprüft, überarbeitet und in dieser Fassung veröffentlicht.

Die inhaltliche Verantwortung für den Beitrag liegt bei Hauptmannl Consulting.

Stand: 06. September 2026